Wolfsschanze - Unerwartete Funde für die Geschichte

Verfasst von: Oktavian Narcyz MsD Bartoszewski
Die Treppe in die Besprechungsbaracke
Die Treppe in die Besprechungsbaracke  Bild: Oktavian Bartoszewski
Führerhauptquartier Wolfsschanze verbirgt auch im 21 Jahrhundert noch den einen oder anderen unerwarteten Fund. Im Jahr 2020 wurde dort die Treppe in die Besprechungsbaracke gefunden, jetzt ist es sicher wo sich der Eingang in die Baracke befand. Somit kann jetzt bestimmt werden wo sich der Raum befand in dem das Attentat auf Adolf Hitler stattgefunden hatte.

Die schnelle Eingreiftruppe unserer Redaktion – „RELIKTE im Einsatz“ – blickt auf ein spannen des, aber auch stressiges Wochenende zurück. Teils 15 und mehr Stunden Fahrt lagen hinter uns. Wir- das waren an diesem Wochenende Sabine und Oktavian, Thomas sowie unsere Freunde Ralf und Hendrik. Die Forschungsgruppen Fundacja Latebra und Underground Passion hatten uns zu einer gemeinsamen Aktion ins El Dorado aller Militariafreunde geladen, in das ehemalige Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen. Die „Wolfsschanze“, eigentlich unter dem Tarnnamen „Chemische Werke Askania Nord“ erbaut, war eines von vier frontnahen Führerhauptquartieren, die den „Wolf“ in ihrem Namen führten.

Dies ging auf eine persönliche Intension Adolf Hitlers zurück, der in den 20er Jahren das Pseudonym Wolf verwandte. Weitere „Wolfs“-Führerhauptquartiere waren die Anla- ge Werwolf bei Winniza/Ukraine, Wolfsschlucht 1 bei Brûly-de-Pesche in Belgien, Wolfsschlucht 2 in Mar- gival (Frankreich) und Wolfsschlucht 3 in Saint-Rimay (Frankreich). Aber während Hitler viele der vorbereiteten Führer- Hauptquartiere nur kurz oder überhaupt nicht besuchte, hielt er sich hier, in den ostpreußischen Wäldern, fast die längste Zeit des Krieges auf. Das Areal der Wolfsschanze gliederte sich in mehrere Bereiche unterschiedlicher Sicherheitsstufen, der sogenannten Sperrkreise.

Planung des Tages (Bild: Piotr Banaszewski)

Sperrkreis 3 Hier waren Unterkünfte des Führerbegleitbataillons sowie Stellungen von Panzerabwehrkanonen, Flakgeschütze und Maschinengewehre. Dieses Gebiet umfasste die Sperrkreise 1 und 2. Sperrkreis 2 Hier befanden sich Beton- und Backsteinhäuser des Wehrmachtführungsstabes, des Kommandanten des Führerhauptquartiers. Hier befanden sich ebenfalls Fernschreibzentralen, Offizierskasino, ein mächtiger Luftschutzbunker, Verbindungsstellen der Luftwaffe und Marine, der Bunker von Fritz Todt sowie Bunker für das Führerbegleitbataillon. Dieser Sperrkreis umschloss den Sperrkreis 1. Sperrkreis 1 Hier waren die Bunker von Hitler, Bormann, Keitel, Göring, Dr. Dietrich und Jodl. Die Bunker des Heerespersonalamts, und der Wehrmachts Adjutantur, der persönlichen Adjutantur Hitlers, des RSD und des SS-Begleitkommandos. Hier wohnten Ärzte, Stenographen, Sekretärinnen und Chauffeure. Den Bewohnern des Sperrkreises I standen zwei Kasinos, zwei Teehäuser, Kino und Sauna zur Verfügung.

Bombentorpedo BF 1000 RS Museum auf der Wolfsschanze (Bild: Piotr Banaszewski)

Am 20 September 1943 entstand auf dem Befehl von Gen. Schmundt innerhalb des Sperrkreises 1 eine weitere Sicherheitszone, der sogenannte Sperrkreis 1A. Hier befanden sich die vorher zum Sperrkreis 1 gehörenden Bunker von Hitler, Bormann, der persönlichen Adjutantur Hitlers, der Wehrmachtsadjutantur sowie das Holz und Betongebäude von Keitel und dem Heerespersonalamt. Dieses Gebiet unterlag noch einer stärkeren Bewachung als der Sperrkreis 1. Es war schon später Samstagnachmittag, als wir endlich alle dieses geschichtsträchtige Areal erreicht hatten. Noch wussten wir nicht, was unsere Gastgeber geplant hatten. Erstmal trafen wir uns in gemütlicher Lagerfeuerrunde. Nach dem ersten „Beschnuppern“ wurden wir zu einer nächtlichen Privattour durch das düstere Bunkerareal geladen. Wir durften in einem neuen Ausstellungsbereich die spektakulärsten Funde der Forschungsgruppe Latebra bestaunen, zu denen auch der Prototyp eines Bombentorpedos mit Raketenantrieb, der einzige seiner Art, gehört.

Relikte der Geschichte, Fundacja Latebra, Underground Passion an den gefundenen Stein (Bild: Fundacja Latebra)

Nach einer kurzen Nacht wurde am Sonntagmorgen die Ruhe vor dem Touristenstrom genutzt. Im Sperrkreis zwei hatten wir von RELIKTE gerade begonnen, die Detektoren über dem zugewiesenen Terrain zu schwenken, als begeisterte Rufe die Stille des Waldes durchbrachen. Artur Troncik, der Betreiber der Plattform „Underground Passion“, machte es spannend. Grinsend wie Kinder bei der Weihnachtsbescherung standen er und ein Teamkollege hinter einem fachen Stein und warteten, bis auch die letzten dem Ruf gefolgt waren. Alles schaute gespannt, was wohl unter dem Stein zum Vorschein kommen würde, den die beiden langsam anhoben. Artur lachte nur und sagte: „Schaut nicht unter, sondern auf den Stein!“ Nun sahen wir es auch. „1.FBB“ prangte in großen Lettern auf dem Stein, darunter eine gemalte Standarte mit einem großen Hakenkreuz in der Mitte.

Der einzige Stein dieser Art auf der Wolfsschanze (Bild: Oktavian Bartoszewski)

Die Farben leuchteten, als wären sie nicht mindestens 75 Jahre alt, sondern gestern erst gemalt. Die Inschrift stammte ohne Zweifel von der 1. Kompanie des Führer-Begleit-Bataillons. Dieses Bataillon war neben der Leibstandarte „Adolf Hitler“ und dem Führerbegleitkommando für Sicherungsaufgaben und Personenschutz des Führers in den Führerhauptquartieren zuständig. Ursprünglich stand der Stein wohl vor der Unterkunftsbaracke oder einem Kompaniegebäude der Einheit. Sofort nach der Bergung wurden Maßnahmen getroffen, um die Farbe vor dem Ausbleichen und Austrocknen zu schützen. Der Stein wurde in Folie gehüllt und im Depot auf einer Palette wieder in die originale Erde gebettet. Ein archäologischer Konservator erarbeitet gerade ein Konzept zum dauerhaften Schutz der originalen Farbe, damit dieses einzigartige Belegstück in der lokalen Aus- stellung präsentiert werden kann.

Mitglieder von Latebra an der Treppe in die Besprechungsbaracke

Währenddessen war der zweite Forschungstrupp auch nicht untätig geblieben. Deren Forschungsobjekt waren die Überreste der Baracke, in welcher vor gut 76 Jahren Claus Graf Schenk von Stauffenberg das Attentat auf Adolf Hitler verübte. Nun ist das Attentat zwar von etlichen Historikern minutiös rekonstruiert und dokumentiert, der originale Ort präsentierte sich aber bisher eher unscheinbar bis unwürdig. Die Forschungsgruppe Latebra hat es sich zum Ziel gesetzt, die Baracke in einer zum Gelände gehörenden Halle originalgetreu nachzubauen, um den Zeitpunkt des Attentates in Lebensgröße begreifbar zu machen. Dazu wurden aus den Trümmern schon viele originale Ausstattungsstücke geborgen, beispielsweise Heizkörper, Waschbecken und Elektroinstallation, die den Nachbau so authentisch wie möglich werden lassen sollen.

Wasserboiler aus der Besprechungsbaracke (Bild: Fundacja Latebra)

Das bislang voluminöseste Fundstück war bis jetzt ein Warmwasserboiler im Halbkeller unter dem Barackenboden. Dieser Boiler sollte heute geborgen werden. Die Schwierigkeit bestand darin, den Koloss aus seinem Loch an die Oberfläche zu bekommen denn es gab Trümmer und Mauervorsprünge, die den Weg versperrten, so wurde es von vorne mit Seilen und Winden gezogen und von hinten aus den Tiefen des unterirdischen Raumes geschoben und dirigiert. Auch die Eingangstreppe des Gebäudes wurde inzwischen wiederentdeckt. Und zwar an einer völlig anderen Stelle, als ihn die Touristenführer gemeinhin verorten. Dadurch kann vielleicht in absehbarer Zeit geklärt wer- den, an welcher Stelle sich genau der Besprechungsraum befand. Denn, ist auch das Bild vom zerstörten Raum nach dem Attentat weltbekannt ob sich der Raum an der östlichen oder westlichen Stirnseite der Baracke befand, ist bis heute unter Historikern umstritten.

Die Treppe zur Besprechungsbaracke (Bild: Oktavian Bartoszewski)

Das dritte Objekt, welches die Forschungsgruppe betreut, sind die Überreste der Adjutantur des Führers. Bei einer ersten Begehung, oder besser, Bekriechung durch Ralf und Oktavian konnten auch hier noch vorhandene Reste der Sanitärinstallation dokumentiert werden. Weitere offizielle Grabungen und Messungen sind geplant. Das RELIKTE im Einsatz-Team ist jetzt offiziell befugt an den Forschungen auf dem Gelände der Wolfsschanze aktiv teilzunehmen. Wir waren insgesamt fünf Mal in den Jahren 2020 und 2021 an der Wolfsschanze und haben geholfen diesem Ort zu erforschen. Es gibt noch viele offene Fragen die nur die Untersuchungen vor Ort klären können. Das Ziel von Fundacja Latebra und uns ist es die genaue Bestimmung der Lage des Raumes in dem das Attentat stattgefunden hatte. Der Fund der Treppe ist der erste Schritt dahin.